Hunde, Haschisch und Häschen - die etwas andere

"Jesus Christ Superstar"-Inszenierung


Bericht zur Premiere bei den Erfurter Domstufen-Festspielen


Auf den Domstufen zwischen Dom und Severi-Stiftskirche feierte am vergangenen Samstagabend (13.08.2005) Andrew Lloyd Webbers Rockoper "Jesus Christ Superstar" ihre Premiere. Generalintendant Guy Montavon stimmte das Publikum mit seiner nicht ganz ernst gemeinten Aufforderung zum Mitsingen, zum Rauchen von Haschisch und zum Küssen Fremder auf eine bunte, unterhaltsame, stellenweise aber auch wirklich packende Inszenierung ein. Am Premierenabend meinte es auch Petrus gut mit Premierengästen und Akteuren; das Wetter spielte mit.

"Jesus Christ Superstar" gehört zu den Musicals, die sehr häufig und in vielfältigen Inszenierungen auf dem Spielplan stehen. Das Erfurter Publikum bekommt die nicht immer treffend übertragene, deutschsprachige Fassung von Anja Hauptmann (Originaltexte: Tim Rice) zu hören. Die Inszenierung stammt von der gebürtigen Taiwanesin Mei Hong Lin, die seit 2004 Direktorin des Tanztheaters am Staatstheater Darmstadt ist. Sie hat die Handlung zur Entstehungszeit des Musicals angesiedelt und mit viel Flower Power-Zeitgeist versehen. Leider wird dieser Ansatz aber nicht konsequent durch die gesamte Produktion hindurch fortgeführt, sondern man trifft immer wieder auf Elemente in der Inszenierung, die nicht so recht ins Konzept passen wollen.
Da wäre gleich zu Beginn das Vorspiel, bei dem wie Terroristen vermummte Gestalten mit rotem Kreuz auf  schwarzer Kleidung die Bühne bevölkern, ihre Forderungen nach Frieden, Flower Power und "Jesus for President" mittels eines Transparents kundtun, bevor Polizisten mit ihren Hunden (!) die Aktion beenden. Was uns diese Szene sagen will, bleibt im Dunkeln; sie wirkt in sich schon widersprüchlich.
Ähnlich unstimmig ist die Tempelszene, die vermutlich Kritik an der kommerziellen Ausbeutung christlicher Feste üben soll: Da werden mit Einkaufswagen ausgerüstete Weihnachtsmänner, Osterhasen und Co. aus dem (Konsum-)Tempel verjagt, das Ganze unterstützt von einer Laser-Werbeshow. Schön bunt ist die Szene, aber inhaltlich schießt Mei Hong Lin hier über das Ziel hinaus. Sie interpretiert Dinge in "Jesus Christ Superstar" hinein, die das Stück nicht hergibt. Paradoxon am Rande: Weihnachten und Ostern wurden erst nach Christi Tod etabliert, im Stück spielt Jesus aber die Hauptrolle...
Eine stärker werkimmanent orientierte Umsetzung hätte Webbers Werk wesentlich besser gestanden. Auch im Detail finden sich Ungereimtheiten: Da hört man, daß Judas "in Silber" bezahlt wird, sieht aber einen Koffer mit dickem Dollar-Zeichen und Scheinen. Wenn man dann wenigstens den Text entsprechend geändert hätte (was aus rechtlichen Gründen wahrscheinlich nicht möglich ist), wäre dies ja noch sinnvoll gewesen.
Die Diskrepanzen zwischen dem Text, der auf biblische Orte Bezug nimmt, und dem amerikanisierten Touch der Inszenierung stören. Man erwartet beinahe, daß Jesus im New Yorker Central Park und nicht im Garten Gethsemane verhaftet wird.
Das Staging der Produktion ist nicht immer plausibel, erklärt sich aber vielleicht durch die Größe der Spielfläche.

Die Erfurter "Jesus Christ Superstar"-Produktion weist neben einer eindrucksvoll opulenten, manchmal revueartigen Optik auch intime, sehr starke Momente auf, die vor allem dem Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller Darius Merstein-MacLeod (Judas) und Christopher Murray (Jesus) zu verdanken sind und dem Stoff gerecht werden. (Dazu weiter unten mehr.)
Sehr schön ist zum Beispiel auch die Abendmahlszene, die Jesu Jünger - mit Ausnahme des wirklich idealistischen Judas - als mehr oder weniger opportunistische Mitläufer zeigt, die ihre eigenen Wünsche auf Jesus projizieren. Sie machen es sich lieber bei Wein und Joints (!) gemütlich, anstatt für ihre Ideale zu kämpfen.

Die Kostüme der Show (Bettina Merz) mit ihrem Mix aus Hippie- und Disco-Look der Anhänger Jesu auf der einen, und eher stilisierten Kostümen (z. B. bei den Hohepriestern) auf der anderen Seite, überzeugen nicht alle. Das unvorteilhafteste Outfit der Show hat Pontius Pilatus-Darsteller John Wiseman mit seinem Silberlook getroffen. Ein Umhang liefert Anklänge an römische Bekleidung zur Zeit Christi, paßt damit aber wieder nicht zum restlichen Stil. Warum hat man Wiseman nicht in die Uniform eines amerikanischen Generals gesteckt?
Ansonsten sind die Kostüme farbenfroh, mit vielen Hare Krishna-tauglichen Farbtönen. Nicht von allerhöchster Güte sind die Perücken, die dadurch zum Teil recht witzig aussehen.

Die mit vielen Lichteffekten (Frank Zimmermann) arbeitende Bühnenausstattung (Thomas Gruber) wirkt flächenfüllend. Glücklicherweise hat man noch kurz vor der Premiere Lasereffekte, deren Symbolik zwar gelungen war, die aber zu sehr von den Solisten ablenkten, gestrichen. Leider hat man auch die Schlußszene und ihren Lasereffekt noch umgestellt. Während der Proben erschien diese Szene zwar nicht perfekt, aber durch den Laser, der sehr gut zu den Domstufen paßte, hatte sie einen eigenen Charakter. Jetzt wirkt sie immer noch unfertig und erinnert zudem sehr an die Bad Hersfelder Inszenierung, die dort drei Sommer lang zu sehen war - wobei der dortige "Tunnel" weitaus effektvoller war.

Die Choreographie von Julio Viera nutzt die großzügigen räumlichen Gegebenheiten aus. Stellenweise wirkt die Bühne bei rund 100 Akteuren etwas überladen, und die Tänzer gehen dann leider in der Menge unter.

Die musikalische Leitung von Band und Orchester obliegt Karl Prokopetz. Nachdem sich das Orchester am Premerenabend erst einmal warm gespielt hatte, klang die Partitur unter seinem Dirigat so, wie sie klingen sollte.
Erstaunlich exakt für ihre Größe erklingen der Opernchor des Theaters Erfurt und der Philharmonische Chor Erfurt (Leitung: Andreas Ketelhut).
An dieser Stelle sei noch angemerkt, daß jedes einzelne Ensemblemitglied mikrophoniert ist; an technischem Aufwand wird also nicht gespart. Für den Ton zeichnet Omar Samhoun verantwortlich.

Nun aber zu den Protagonisten der Aufführung:

Christopher Murray bringt die Titelfigur stimmlich kräftig und darstellerisch sehr aggressiv auf die Bühne. Dies ist nicht unbedingt negativ zu sehen, aber die Motivation der Figur bleibt oftmals unklar, und so berührt dieser Jesus für sich genommen nicht wirklich. (Christopher Murray transportiert in der Rolle mehr, wenn der Zuschauer nah genug an der Bühne sitzt, um seine Mimik erkennen zu können.)

Petra Madita Kübitz in der Rolle der Maria Magdalena zeigt sich gesanglich tadellos, und auch ihre schauspielerische Darstellung überzeugt, wenn sie bei ihren Solonummern vielleicht auch noch mehr Präsenz vertragen könnte.

 Sympathieträger des Stücks ist paradoxerweise Judas, in all seinen Facetten dargestellt von Darius Merstein-MacLeod. Er läßt den Zuschauer jeden Gedankengang des Verräters wider Willen erkennen und seine Zerrissenheit spüren. Im Zusammenspiel mit Darius Merstein hat auch Christopher Murray seine stärksten Szenen: Einer der eindringlichsten Momente befindet sich am Ende der Abendmahlszene, wo das ursprünglich äußerst innige Verhältnis zwischen Jesus und Judas für einen Augenblick noch einmal sichtbar wird.
Gesanglich läßt Darius Merstein-MacLeod ebenfalls kaum zu wünschen übrig. Insgesamt verleiht er der ansonsten eher auf pure Show ausgerichteten Inszenierung den nötigen Tiefgang.

Als Fehlbesetzung entpuppt sich leider John Wiseman in der Rolle des Pontius Pilatus. Er schafft es nicht, sein musikalisch phantastisches Material, allem voran "Pilatus' Traum", Gewicht zu verleihen, stakst (unfreiwillig?) wie ein Zombie über die Bühne und vermittelt nicht den kleinsten Funken an Gefühl. Enttäuschend.

Solide sind dagegen Michael Leibundgut (Kaiphas) und Jörg Rathmann (Annas).
Henrik Wager (Petrus) harmoniert stimmlich sehr gut mit Maria Magdalena-Interpretin Petra Madita Kübitz. Ihr Duett "Laß uns neu beginnen" bleibt lange im Ohr haften.
Vom Publikum mit viel Applaus bedacht wird Herodes Samuel Schürmann, der mit einer weißen Stretchlimousine hereingefahren wird, bevor er seinen Showstopper auf die Bühne legt.

Erwähnt seien auch noch Luis Lay als Simon Zelotes, der keine schlechte Leistung bringt, stimmlich aber an seine Grenzen zu stoßen scheint, und die Soulgirls Amanda Whitford - dem Musicalpublikum in dieser Rolle noch aus Bad Hersfeld in guter Erinnerung, Jennifer Boone und Julia Leinweber, die mit viel Elan bei der Sache sind.

Fazit: Mit ein paar Abstrichen macht diese "Jesus Christ Superstar"-Produktion Spaß, bietet bunte Bilder fürs Auge, Andrew Lloyd Webbers unvergängliche Musik und einen Judas, der das Stück erst richtig sehenswert macht.

"Jesus Christ Superstar" ist noch bis zum 04. September in Erfurt zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter http://www.theater-erfurt.de/.



Claudia Bauer-Püschel
(16.08.2005)


Alle Fotos stammen von der Probe am 09.08.2005. © C. Bauer-Püschel, Musicals Unlimited

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