"Qi To Life"
Fotos: Stephan Gustavus, xix

"Qi - eine Palast-Phantasie" - Entertainment pur!

Premiere der neuen Friedrichstadtpalast-Revue am 09. Oktober 2008



Eine schrill gekleidete Dame (Galina Hayes) bahnt sich ihren Weg durchs Publikum hinab zur Bühne des Friedrichstadtpalastes, mit dabei ein Kinderwagen, aus dem lautes Kindergeschrei ertönt. Auf der Bühne angekommen trifft sie auf ihren Partner (Sonny Hayes), der Kinderwagen wird beiseite geschoben - und damit der Alltag. Für das Publikum beginnt so der Einstieg in rund zwei Stunden (zzgl. Pause) purer Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Die Presse durfte sich bereits am 08. Oktober ein Bild von der Show "Qi - eine Palast-Phantasie" machen; am 09. Oktober fand die Premiere vor geladener Prominenz aus Kultur und Politik statt. Medienvertreter konnten diese Vorstellung auf Bildschirmen verfolgen. (An dieser Stelle sei einmal die reibungslose Organisation durch die Pressestelle des Friedrichstadtpalastes lobend erwähnt!)

"Qi" - "Kie" ausgesprochen - ist laut Intendant und Produzent Dr. Berndt Schmidt als Kunstwort zu verstehen. Im asiatischen Kulturkreis steht "Qi" für Energie; "Kie" erinnert aber auch an das englische Wort "key", also Schlüssel: Die Revue "Qi" eröffnet eine lebendige, vielfältige Phantasie-Welt.

Die Idee zur Show stammt von Conny K. Porod, das Buch von Jürgen Nass und Roland Welke. Regie führte ebenfalls Jürgen Nass. Im Gegensatz zu Vorgängerrevuen versucht "Qi" nicht krampfhaft, eine Geschichte zu erzählen. Das ist wohl eine Geschmacksfrage: Wenn ich eine stringente Geschichte auf der Bühne sehen möchte, besuche ich lieber ein Theater-/Musiktheaterstück; von einem Haus wie dem Friedrichstadtpalast erwarte ich mir in erster Linie bunte Unterhaltung, die keinem logisch aufgebauten Handlungsstrang folgen muss. "Qi" hat meine Erwartungen in diesem Punkt mehr als erfüllt. Zuschauer, die gerade bei dem asiatisch anmutenden Titel eine entsprechende Geschichte mit chinesichen Akrobaten und Nummern im Stil der Peking-Oper erwartet hatten, waren wohl eher enttäuscht. Den Publikumsreaktionen zufolge dürften solche Besucher aber in der deutlichen Minderheit gewesen sein. "Qi" ist eine Show, die die Moderne bewusst betont, um zu beweisen, dass Revue kein Format von gestern ist.
Es gab für mich in "Qi" nicht viel zu bemängeln: Nicht ganz gelungen waren die "I'm So Excited"-Reprise im zweiten Teil und der Auftritt auf Inline-Skates. Beides erschien mir überflüssig, denn "I'm So Excited" hatte man bereits vor Viktor Kees Auftritt - zum "Yello"-Hit "The Race" und mit grundlegend anderer Stimmung - "abgehakt", und nach all dem Eislauf wirkten Rollschuhe geradezu wie ein Abstieg.        

Den musikalischen Einstieg in die Show bildet die "Ouvertüre", gefolgt von "Das ist Qi" (Auftritt von Galina & Sonny Hayes) und dem bekannten "Earth, Wind & Fire"-Titel "Boogie Wonderland". Gleich zu Beginn wird das musikalische Prinzip der Revue deutlich: Neue Kompositionen sind gemischt mit eigens für "Qi" arrangierten, bekannten Songs, und dieses Konzept geht auf. Die Arrangements stammen von Frank Hollmann, Manfred Honetschläger, Frank Nimsgern und Matthias Suschke. Komposition und Musikproduktion von "Qi" lagen in den Händen von Frank Nimsgern; die Texte der Neukompositionen stammen von Aino Laos. Frank Nimsgerns Musik trägt maßgeblich zur hohen Qualität der Show bei, denn er versteht es bestens, dem Zuhörer durch seine Musik "Energie" zu vermitteln. Damit war er als Komponist prädestiniert für "Qi". Kenner seiner Musik werden einige Melodien, die Frank Nimsgern im "Qi"-Soundtrack verarbeitet hat, aus anderen (eigenen) Werken wiedererkennen. - Es mag Kritiker geben, die ihm dies vorwerfen. -  Meiner Meinung nach stört so etwas in einer Revue ohne Handlungsstrang nicht; es ist im Gegenteil faszinierend zu hören, wie Frank Nimsgern unterschiedliche Themen, Zitate und Songs zu einem perfekten Klangteppich verwoben hat. Hört man sich die CD zur Show an, hat man trotz anderer Anordnung der Titel als in der Live-Revue schnell den passenden Show-Act vor dem inneren Auge. Das beweist die starke Funktionalität von Frank Nimsgerns Musik, die zudem Ohrwurmqualität hat. Ob Songs wie "Qi To Life" oder Instrumentalmusik - bei Nimsgern geht alles ins Ohr und selbst ein Klassiker wie "Schwanensee" in zeitgemäßer Version auch ins Bein!

Als Gesangssolistin tritt Katja Berg (alternierend: Anke Fiedler) in "Qi" auf. In dieser Revue liegt der absolute Schwerpunkt auf Gesang und Unterhaltung; schauspielerische Eigenheiten werden zurückgestellt. Mir persönlich gefiel Katja Berg gerade deshalb sehr gut, hat sie sich damit doch als flexibler erwiesen, als ich sie bislang auf der Bühne erlebt habe.
Gesangliche Unterstützung kommt von den "Qi Singers", deren Namen in der Musicalszene ebenfalls nicht unbekannt sind (Premierenbesetzung: Meike Jürgens, Elisabeth Markstein, Brady Swenson; alternierend: Alicia Berg, Ricarda Ulm, Nico Gaik und Maik Lohse).
Die Musikalische Leitung ist bei Detlef Klemm in erfahrenen Händen. Zweiter Dirigent ist Peter Christian Feigel.          

Galina und Sonny Hayes (Magic Comedy) treten während der Show mehrere Male auf und bringen das Publikum zum Lachen. In der Medienpremiere war das Timing ihrer Zaubertrick-Persiflagen perfekter als in der eigentlichen Premiere, aber Spaß machten die Darbietungen auch da allemal.

Die Steve Wheeler-Company bestreitet mit ihrem "Magic On Ice"-Programm einen großen Block des ersten Revue-Teils. Zauberkünstler gibt es viele, und Eiskunstlauf-Revuen sind überall auf Tournee; die Steve Wheeler-Company verbindet beides, und darin liegt der Reiz. In der Medienpremiere klappte noch nicht alles perfekt - insgesamt merkte man der Show hier und da an, dass die Produktion unter massivem Zeitsruck gestanden hat -, vor allem ein paar atemberaubende akrobatische Paarlauf-Figuren ließem dem Publikum jedoch im besten Sinn den Atem stocken (Eischoreografie: John Fox). . 

Der Publikumsfavorit unter den Artisten war an beiden Abenden der Jongleur Viktor Kee. Seine Körperbeherrschung und Ausstrahlung muss man einfach erlebt haben. Viktor Kee passt nicht nur auf Grund seines Namens "Kee" perfekt zu "Qi"!

Weniger begeisterten The Flying Cranes (Flugtrapez, "Pendulum"), die bei ihrer nicht besonders ansprechend arrangierten Trapeznummer in beiden Shows patzten. Da hat man - zum Beispiel in der Jubiläumsrevue "Revuepalast" - schon weitaus raffiniertere Trapezartistik gesehen.

Die beiden Tänzer Patrick King und Johan King-Silverhult bringen mit ihrer ausdrucksstarken Tanznummer "2Men" schwule Erotik in den Friedrichstadtpalast und sorgen beim Publikum sicher für Gesprächsstoff. (Von Patrick King stammen auch die Choreografien zu "Virgin Tango" und "The Loco Motion".) Choreograf Sean Cheesman hat mit dem anschließenden Block "It's A Sin/Suite der Sünden" für den weiblichen Gegenpart gesorgt - Solistinnen, die im Regen (!) tanzen und am Ende ein blanker Busen ziehen hier Blicke auf sich. Neben den bereits Genannten sind auch Maik Damboldt und Alla Duhova für "Qi"-Choreografien verantwortlich. Was alle vier Tanzexperten geschaffen haben, kann man nur als beeindruckend bezeichnen. Die mit 32 Tänzerinnen längste Girlreihe der Welt darf natürlich nicht fehlen; ein absolutes Novum am Friedrichstadtpalast ist wohl die gemischte Girl-Boy-Reihe mit 30 Personen! Zum Beispiel beim "Virgin Tango" waren die Tanzpaare noch nicht zu 100 % synchron; unterm Strich leisteten alle Solo- und Ensembletänzerinnen und -tänzer (Solisten: Susann Malinowski-Märtens, Nina Makogonova, Willow Jewett) in den beiden gesehenen Vorstellungen jedoch Grandioses.

Sehr gut präsentiert werden alle Künstler durch das gelungene, effektvolle Design von "Qi". Zu nennen sind hier Bühnenbildner Heinz Hauser, Stephan Bolz und Galina Kiktev, die sexy und bunt-opulente Kostüme kreiert haben (Kostümsupervision: Anja Diefenbach), die Maske von Peter Bänisch und Antje Potthast, die Lichtgestaltung von Olaf Eichler und Andreas Stübler sowie Timo Schierhorns Videoproduktion. Computergesteuerter Regen, die größte bewegliche Eisfläche der Welt und ein riesiger Lüster, der aus dem Schwimmbassin der Bühne emporgehoben wird, sind nur drei der bühnentechnischen Highlights der Show. Die Liste aller, die zur erfolgreichen Premiere der Revue beigetragen haben, wäre hier zu lang; das Publikum spendete ihnen stehende Ovationen.

Mit Worten lassen sich die Eindrücke von "Qi - eine Palast-Phantasie" nur unzureichend vermitteln. Wer einen Abend lang Unterhaltung pur erleben will, sollte die Show im Friedrichstadtpalast nicht verpassen. Der Friedrichstadtpalast hat mit "Qi" den Beweis erbracht, dass die Revue lebt!


Weitere Informationen: www.friedrichstadtpalast.de


Hinweis:

In Kürze erscheint bei Musicals Unlimited ein Interview mit "Qi"-Komponist Frank Nimsgern plus Fotogalerie!

Claudia Bauer-Püschel
(12.10.2008)