"Chess" an der Staatsoperette Dresden:

Irgendwo zwischen schwarz und weiß


Frederick Trumper (Chris Murray) meditiert in Bangkok.
(Fotos: Kai-Uwe Schulte-Bunert)



Am 27. Juni 2008 feierte das Andersson/Rice/Ulvaeus-Musical "Chess" an der Staatsoperette Dresden Premiere. Tim Rice war durch die legendäre Schachweltmeisterschaft 1972, in der die Sowjetunion mit ihrem Spieler Boris Spasski nach jahrzehntelanger Herrschaft im Schachbereich vom jungen Amerikaner Bobby Fischer entthront wurde, inspiriert worden. Mitte der 80er Jahre sprach er die beiden Ex-ABBA-Männer Benny Andersson und Björn Ulvaeus darauf an, ein Musical vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zu schreiben - mit Erfolg.

Die Handlung in Kürze: Der erste Akt spielt während der Schachweltmeisterschaft 1966, deren Austragungsort Meran ist. Der Amerikaner Frederick Trumper ist Favorit; er tritt gegen den sowjetischen Herausforderer Anatoly Sergievsky an. Trumper ist mit seiner Lebensgefährtin und Managerin Florence Vassy, einer gebürtigen Ungarin, vor Ort. Im Hintergrund zieht KGB-Agent Molokov die Fäden, und so steht weniger die sportliche Auseinandersetzung als ein politisches Machtspiel im Mittelpunkt. Das Schachspiel nimmt unerwartete Wendungen; Florence verliebt sich in den verheirateten Anatoly und verlässt Trumper, der nach mehreren verlorenen Partien daraufhin bei der Weltmeisterschaft aufgibt. Anatoly, der neue Weltmeister, beantragt in der US-Botschaft Asyl. Er will nun offiziell mit Florence zusammmen leben.
Der zweite Akt spielt ein Jahr später in Bangkok, wo Anatoly, der mittlerweile mit Florence in Großbritannien lebt, seinen WM-Titel gegen einen sowjetischen Spieler verteidigen muss. Trumper ist inzwischen Journalist und berichtet von der Schach-WM. Molokov will sich an Anatoly rächen, weil dieser sein Land verlassen hat, und so werden auch Anatolys Frau Svetlana und Florence' verschollener Vater ins intrigante Spiel gebracht. Am Ende folgt Anatoly, der mit Trumpers Hilfe Schachweltmeister geblieben ist, seiner Frau Svetlana zurück in die Sowjetunion, und Florence muss alleine zurückbleiben.

An der Staaatsoperette Dresden wird "Chess" in der Orchestrierung und mit Arrangements von Anders Eljas und in der deutschen Übersetzung von Ulrich Bree und Markus Linder gespielt. In Letzterer, vor allem in den Liedtexten, liegt einer der Schwachpunkte dieser Produktion: Da haben deutsche Worte mehr Silben als die englische Vorlage und lassen den Text holprig wirken. Reime gehen verloren. So hört man zum Beispiel in einer der stärksten Nummern der Show, "I know him so well" (dt.: "Ich weiß, was er fühlt"): "War es nicht gut? [...] War er nicht toll? [...] Ist es nicht Wahnsinn? Er ist nicht mein", während es im Original heißt: "Wasn't it good? [...] Wasn't he fine? [...] Isn't it madness? He won't be mine". Es wird auch schon mal ein englisches Wort durch ein anderes Wort aus dem Englischen ersetzt: "arbiter" = "Referee" (Schiedsrichter). "One Night in Bangkok" hat seine Originaltitelzeile behalten. Da wünscht man sich elegantere Lösungen.
Die gespielt Fassung bedient sich verschiedener Vorlagen, Elemente der Broadway- und der Londoner Version sind enthalten.

Musikalischer Leiter der Dresdner Produktion ist Michael Fuchs. Unter seiner Leitung spielen das Orchester der Staaatsoperette und die Michael Fuchs-Band peppig auf. Der Chor wurde von Thomas Runge einstudiert.

Die Inszenierung stammt von Wolf Widder. Sein Inszenierungsstil lehnt sich vor allem im ersten Akt der revueartigen Anlage des Musicals (viele Solosongs ohne Weiterentwicklung der Handlung im Wechsel mit Spielszenen und Ensemblenummern) an. Dieser Eindruck wird durch die Choreografie von Silvana Schröder, die zum Beispiel mit vertanzten Schachpartien punktet, verstärkt. Damit wird vermutlich auch dem vorherrschenen Publikumsgeschmack eines Operettenhauses Rechnung getragen. Bei den Ensemblenummern - wie z. B. der Wintersport-Szene mit ihren Tänzern in pastellfarbenen Strickanzügen oder dem vom Publikum mit starkem Applaus quittierten "Kosakentanz" - fühlte ich mich in eine Miniaturausgabe des Berliner Friedrichstadtpalastes versetzt. Dazu trug auch die erhöhte Positionierung des Orchesters auf der Bühne bei. Unterhaltsam ist diese revuemäßige Art der Szenenpräsentation auf jeden Fall.
 
In manchen Szenen wäre weniger vielleicht mehr gewesen. So sieht man bei den Schachpartien das Ballett und links über der Bühne die "Fernsehübertragung" des Schachduells. Die beiden Darsteller der Kontrahenten sitzen weit hinten auf der Bühne; der Blick auf sie wird (zumindest für die vorderen Reihen) größtenteils durch die Tänzer versperrt.
Ich hätte mir aber auch einen stärkeren Einsatz der Projektionstechnik gewünscht. Wenn man "Chess" nicht kennt und das Programmheft nicht vor Showbeginn gelesen hat, dann ist nicht immer klar, wo und zu welchem Zeitpunkt das Stück gerade spielt. Die Einblendung kurzer Informationen hätte wohl einigen Zuschauern geholfen. So gab es eine geradezu skurrile Szene im Publikum: Der zweite Akt fängt mit dem Chart-Hit "One Night in Bangkok" eben ohne den expliziten Hinweis an, dass man sich nun im Bangkok des Jahres 1967 befindet. Als das Orchester in der Premiere zu spielen begann, wurden Leute in der Reihe hinter mir gebeten, mit dem lauten Reden aufzuhören, worauf ein Mann antwortete: "Es hat doch noch gar nicht angefangen!" Den diffusen Beginn von "One Night in Bangkok" - der Kenner des Liedes weiß, was gemeint ist - hatte er wohl für das Stimmen der Instrumente gehalten...

Die Motivation im Handeln der einzelnen Charaktere hätte man stärker ausarbeiten können. So ändert sich das Verhältnis von Florence zu Anatoly scheinbar urplötzlich und ohne ersichtlichen Anlass. Die beiden küssen sich auf einmal. Ähnlich ergeht es dem Zuchauer mit Trumper. Ist es einzig die Liebe zum Schachspiel, die ihn im zweiten Akt zu Anatolys Verbündetem werden lässt? - Da hätte man im Vorfeld bestimmt geschickte Andeutungen unterbringen und dem Stück so mehr Tiefgang  geben können.
Regisseur und Choreografin haben offensichtlich große Gesten von den Darstellern verlangt, die hier und da die Texte zusätzlich pantomimisch wiedergeben. An solchen Stellen merkt der Zuschauer, dass er im Theater sitzt; so etwas wirkt aufgesetzt.  

Die Ausstattung der Produktion (Katja Schröder) wirkt zum Beispiel durch das Schachbrettmuster im Hintergrund sehr plakativ, woran nichts auszusetzen ist. Auch die schwarz-weißen Kostüme des "Popchors" passen dazu. Sie fügen sich zudem in den 60er Jahre-Look der Produktion ein.

Besetzt war die Premiere am 27. Juni wie folgt:
Femke Soetenga (Florence Vassy), Christian Grygas (Anatoly Sergievsky), Chris Murray (Frederick Trumper), Matthias Otte (Der Schiedsrichter), Maria Staszak (Svetlana Sergievsky), Gerd Wiemer (Alexander Molokov), Marcus Günzel (Walter de Courcey), Constanze Eschrig, Inka Lange und Jeannette Oswald (Popchor), Martin Gebhardt und Tanja Höft (Reporter), Roland Pietzsch (Bürgermeister) und Dag Hornschild (Viigand).

Aus dieser Besetzung sticht Chris Murray hervor. Viele der Darsteller haben sehr gute Stimmen, die man von ihrer klassischen Klangfarbe her aber eher im Bereich Operette als im Musicalbereich ansiedeln würde. Chris Murray hebt sich da insofern ab, als dass er als ebenfalls klassisch ausgebildeter Sänger auch richtig "dreckig" klingen kann. Mit dem rappigen "One Night in Bangkok" kann er seine gesangliche Vielseitigkeit mit einer neuen Facette unter Beweis stellen. Bei dieser Nummer zeigt er sich als Entertainer, gefällt aber auch bei den ruhigeren Stellen der Show.

Christian Grygas interpretiert mit "Anthem" (Originaltitel) einen der schönsten Titel der Show. Femke Soetenga und Maria Staszak (mit sehr schöner Klangfarbe!) singen mit "I know him so well" (Originaltitel) eines der wohl bekanntesten Frauenduette überhaupt.

Regie und Dramaturgie (André Meyer) scheinen den Schwerpunkt der Dresdner "Chess"-Produktion mehr auf leichte Unterhaltung mit bekannten Melodien als auf eine möglicht tiefgründige Ausarbeitung des Stoffs gelegt zu haben, und in diesem Rahmen liefert die Besetzung eine mehr als solide Arbeit ab, die vom Premierenpublikum dann auch mit lang anhaltendem Applaus belohnt wurde.


Weitere Informationen zum Stück und zur Staatsoperette Dresden gibt es hier.

Claudia Bauer-Püschel
(01.07.2008)