"Jekyll & Hyde" an der Staatsoperette Dresden:

Eine sehenswerte Wiederaufnahme




Frank Wildhorns "Jekyll & Hyde" gehört derzeit wohl zu den beliebtesten Musicals auf deutschen Bühnen. So nahm die Staatsoperette Dresden ihre "Jekyll & Hyde"-Produktion am 18. September 2008 wieder in den Spielplan auf.

Hat man bereits verschiedene Inszenierungen des Musicals gesehen, so eröffnet einem die Dresdner Version zwar keine komplett andere Sichtweise des Stücks, aber man entdeckt dennoch gute neue Einzelheiten. Dem Stoff wird hier nicht - wie andernorts schon geschehen - mit Gewalt eine fragwürdige bis gänzlich unverständliche Interpretation aufgepfropft, sondern die Geschichte des Arztes mit der gespaltenen Persönlichkeit wird hier einfach klar erzählt. Damit hebt sich die Inszenierung von Winfried Schneider, der auch für die Choreografie gesorgt hat, wohltuend von manch einer überfrachteten Version ab.
Wenn man hier etwas vermisst, dann ist es eine gewisse Selbstreflektion der Titelfigur. Dies hängt mit Strichfassung zusammen, in der - wie in den meisten Aufführungen - der Tod von Dr. Jekylls Vater als stärkste Motivation für sein Selbstexperiment,  "Zwei Naturen, gemeinsames Gedächtnis", in dem sich Jekyll seiner Lage bewusst wird, und auch sein Satz "Das Experiment ist gelungen!" fehlen. Sicher, der Zuschauer erlebt, was vor sich geht und kennt das Ende der "Jekyll & Hyde"-Handlung wohl in den meisten Fällen; ich zumindest erfahre die Dinge aber auch gerne vom zentralen Charakter selbst, höre aus seinem Mund, wie er empfindet und die Situation einschätzt. Die Dresdner Produktion liegt darauf weniger Gewicht. Eine zentrale Aussage Dr. Jekylls, die in der Regel gestrichen wird, ist in dieser Fassung aber glücklicherweise enthalten: "Nur ein Gesetz bleibt für immer besteh'n: Veränderung ist nicht zu umgeh'n; Veränderung ist nicht zu umgeh'n." Damit deuten sich die bevorstehenden Ereignisse schon zu Beginn an. Verzichtet wurde dagegen auf Emmas (= Lisa) letzte Zeilen "Du bist frei nun; 's ist vorbei nun, denn du bist bei mir". Inhaltlich kann man das sicher tun, weil die Fakten auch hier offensichtlich sind - Jekyll ist tot; den musikalischen Bezug, den diese Stelle im Stück nimmt, hätte ich jedoch gerne gehabt. Er ist auch nicht unwichtig für die Charakterisierung Emmas als Frau, die durch alle Höhen und Tiefen an Jekylls Seite bleibt.
Die Vorstellung des Krankenhaus-Vorstandes ist eindeutig verständlich, wenn auch recht plakaiv umgesetzt: Jeder einzelne wird bei der Nennung seines Namens mit einem Scheinwerfer beleuchtet. Zu den netten Regie-Einfällen gehört es, Dr. Jekyll schon bei seiner Antragsstellung zu seinem Versuch mit dem Elixier in der Hand erscheinen zu lassen.
Abwechslungsreich in Szene gesetzt wurde die "Mörder"-Sequenz. Die Dresdner Produktion war für mich hier die erste, in der der Zeitungsjunge (Valentin Richter) tatsächlich nicht von einem Erwachsenen gespielt wird. Prima! Der Kinderchor der Staatsoperette Dresden ist in weiteren Rollen mit von der Partie. So sorgt er für eine realistische Beerdigungsszene mit "Messdienern".
Etwas zu krass erschien mir der "Schnitt" von der Szene mit Lucys Ermordung zur "Konfrontation". Jekyll/Hyde rollt sich hier einfach nach vorne weg, und die "Konfrontation" findet in einem nicht näher definierten Raum statt.  

Musikalisch wird die Aufführung unter Leitung von Andreas Henning adäquat umgesetzt. Die Dresdner Fassung muss ohne Titel wie "Ich muss erfahr'n", "Mädchen der Nacht" oder "Die Welt ist völlig irr" auskommen. Bei der Fülle der Songs, die Frank Wildhorn für dieses Musical geschrieben hat, mag eine Beschränkung auf das Wesentlichste sinnvoll sein, auch wenn dem Zuhörer die eine oder andere eingängige Melodie fehlt.
 
Die Ausstattung von Ella Späte besteht aus Bühnenelementen, die teilweise an die US-Version des Stücks erinnern. Sie vermitteln die verschiedenen Orte der Handlung sehr gut. Daran, dass Bühnenbilder sichtbar hochgezogen werden, während die Handlung im Vordergrund weitergeht, gewöhnt man sich. In einigen Szenen vor dunklem Hintergrund ist die Fantasie des Publikums stärker gefragt, und auch dies funktioniert im Schnitt ganz gut. Optisch viel her macht der wiederholte Einsatz von offenem Feuer.
Die Kostüme sehen ebenfalls sehr ordentlich aus. Jekylls Farbkombination (braune Hose, lila Weste/Jacke mit weißem Hemd, dazu schwarze Schuhe) ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber kreativ. Die Kleider der Frauen werfen Fragen zur Spielzeit des Stücks auf (Original: 1886). Die Röcke weisen zwar kleine "Cul de Paris"-Dekorationen auf, die recht schlanke Godet-Silhouette lässt sich mit der Mode des Jahres 1886 jedoch kaum in Einklang bringen. Eine attraktive Optik bieten die Kostüme aber allemal.
Hervorzuheben ist noch Spider (dargestellt von Christian Grygas), der in dieser Produktion mit entstelltem Gesicht dargestelt wird. - Mein Kompliment an die Maske!

Als Dr. Jekyll/Mr. Hyde zu sehen war Chris Murray, der diese Doppelrolle auch schon in der ersten Spielzeit im Wechsel mit Marcus Günzel verkörperte. Er liefert ein stimmiges Rollenporträt, bei dem man kaum etwas vermisst. Gesanglich wie schauspielerisch überzeugt er auf der ganzen Linie. Man nimmt ihm alle Facetten seines Bühnencharakters ab.

Ilonka Vöckel als Emma Carew (Alternate: Gabriele Rösel) mag man die im Text erwähnten "süßen 17" nicht mehr ganz glauben, aber ansonsten passt sie wunderbar in ihre Rolle.
Susanna Panzner (Alternate: Femke Soetenga) in der Rolle von Lucy Harris zeigt sich als ebenso gute Wahl für diese Aufführung.
Hans-Jürgen Wiese gibt als John Utterson einen sehr väterlich angelegten Freund und bringt damit eine für mich neue Nuance in diese Figur.

Am Abend der Wiederaufnahme bewies das Ensemble sehr ausgeglichene Leistungen. Zu sehen und zu hören waren neben den bereits Erwähnten: Hilmar Meier (Sir Danvers Carew), Jochen Staudinger (General Lord Glossop), Bernd Könnes (Bischof von Basingstoke), Gerd Wiemer (Simon Stride), Christian Theodoridis (Sir Archibald Proops), Frank Oberüber (Lord Savage), Elke Kottmair (Lady Beaconsfield), Mandy Garbrecht (Guinevre (= Nellie)), Ji Hoon Kim (Priester), Wolfgang Amberger (Priester) und Roland Pietzsch (Poole). Soloparts übernahmen Constanze Eschrig, Mandy Garbrecht, Inka Lange, Martin Gebhardt und Adrien Mechler. Außerdem wirkten Chor, Ballett, Kinderchor, Statisterie und Orchester der Staatsoperette Dresden mit - es wird also einiges an personellem Aufwand betrieben.

Insgesamt stellt "Jekyll & Hyde" in Dresden eine durchaus sehenswerte Produktion dar. Wer sie noch nicht besucht hat, kann sich noch auf einen spannend-unterhaltsamen Abend in der Staatsoperette freuen!


Weitere Informationen unter: www.staatsoperette-dresden.de

Claudia Bauer-Püschel
(22.09.2008)