Badens Chauvelin Chris Murray im Gespräch:

Von alten und neuen Inszenierungen, Musical und Klassik, Yin & Yang


Daumen hoch für "The Scarlet Pimpernel"! - Chris Murray vor dem Stadttheater Baden
Privatfotos: Claudia Bauer-Püschel; Szenenfoto "Falke auf der Jagd": www.christian-husar.com


Am 18. Oktober 2008, dem Tag der Badener Premiere von "The Scarlet Pimpernel", gab Chauvelin-Darsteller Chris Murray der Musicals Unlimited-Redaktion in lockerer Atmosphäre Einsichten in seine Berufs- und Lebensauffassung.


Pünktlich und gut gelaunt begrüßt Chris Murray die Musicals Unlimited-Redakteure und zeigt voller Stolz sein handbemaltes T-Shirt, das seine fünf unf drei Jahre alten Töchter ihm zur Badener "Scarlet Pimpernel"-Premiere kreiert haben. Wir nehmen Platz und fragen den Künstler als Einstieg ins Interview, in wie vielen "Scarlet Pimpernel"-Shows er bereits auf der Bühne gestanden hat. Der Chauvelin-Darsteller gehörte bereits zur Premierenbesetzung der deutschsprachigen Uraufführung des Wildhorn-Musicals in Halle/Saale.
"Ich habe alle Vorstellungen gespielt, die jemals in Halle stattgefunden haben; das müssen rund 45 bis 50 Stück über die Jahre verteilt gewesen sein. 'The Scarlet Pimpernel' wurde in Halle von Februar 2003 bis Mai 2008 gespielt, und pro Jahr waren es sieben bis zehn Vorstellungen, was ein richtiger Rekord ist für ein kleineres Stadttheater", erklärt Chris Murray. Dann führt er weiter aus: "Die großen Theater haben natürlich - was ich sehr befürworte - so etwas wie eine zwanzig Jahre alte 'Tosca'-Inszenierung, die immer noch allen Zuschauern gefällt, auf dem Spielplan. Die mittleren Häuser haben dagegen die Idee, dass man Inszenierungen macht und nach zwei Jahren in den Müll kippt, anstatt sie für eine Weile zu bunkern und dann wieder herauszuholen. Das ist so, als ob wir alle alten Filme nach zwei, drei Jahren verbrennen würden." "Ha, das ist ja alt; dann muss Klaus Kinski eben auf den Müll!", kommentiert Chris Murray das von ihm kritisierte Verhalten in einem Tonfall, der keinen Zweifel an seinem Sarkasmus lässt. "Es ist doch irgendwo Schwachsinn, warum ich jetzt nicht in die Wiener Staatsoper gehen und dort die Wiener Inszenierung von Wagners 'Ring' sehen kann, die aus den 60er Jahren stammt. Die Frage, wie der Regisseur damals das Stück gesehen hat, ist doch interessant! Ich fände das als Konsument spannend. Ich halte es für eine Verarmung, dass wir immer alles wegschmeißen und so tun, als ob das Heutige das einzig Gültige ist, denn ich liebe alte Filme und alte Aufnahmen. Da gibt es doch so viele Perlen!"

Zurück zum Thema 'The Scarlet Pimpernel": Auf Gerüchte über eine Wiederaufnahme dieses Stücks an der Oper Halle angesprochen, erläutert Chris Murray, dass "das noch in den Sternen steht" und äußert sich zur schwierigen Situation des Hauses nach dem Weggang von Intendant Klaus Froboese. Mit dem dortigen neuen Generalmusikdirektor, der von Hause aus ein Orchestermusiker ist, und über dessen Affinität zum Genre Musical nichts bekannt ist, verbindet Chris Murray doch eher Skepsis, was eine Wiederaufnahme von "The Scarlet Pimpernel" angeht. "Man muss abwarten", meint er schließlich.

Da Chris Murray ja noch am Tag des Interviews seine Österreich-Premiere als Chauvelin feiern wird, möchte Musicals Unlimited von ihm erfahren, wie er eine Rolle, die er schon so lange kennt wie die des Chauvelin, für sich selbst interessant und lebendig hält. Chris Murray beantwortet die Frage mit sehr ruhiger Stimme: "Ich habe eine Maxime, mit der ich immer auf die Bühne gehe: die Figur in der Situation. Alles andere ist mir im Moment der Aufführung egal. Das, was vorher kam, kam vorher. Das, was nachher kommen wird... das ist alles egal, denn das Publikum sitzt in diesem Moment, in dieser Sekunde dort und guckt einen an. Ich kann nicht so tun, als ob die Zuschauer mich von irgendwoher kennen. Nein, ich muss einfach die Figur des Chauvelin in der Situation zeigen. Wenn die Kollegen mir dann einen anderen Text an den Kopf schmeißen oder andere Reaktionen, andere Blicke, dann versuche ich, nur die Figur in der Situation zu sein und so natürlich und ehrlich wie möglich zu reagieren. Das ist sozusagen mein Schlüssel, den ich für mich erarbeitet habe. Ich versuche es, jeden Abend so zu spielen und nicht nach Schema F. - 'Ach, jetzt kommt die rechte Hand hoch und dann der Arm nach links...'" Chris Murray erzählt weiter - ohne ihren Namen zu nennen - von einer Kollegin, die die Christine in "Das Phantom der Oper" spielte und um ihren Garderobenspiegel herum Klebezettel mit ihren zum Text passenden Gesten hatte. "Sie war stolz auf sich, dass sie jeden Abend genau die gleiche Leistung und genau die gleiche Vorstellung ablieferte", berichtet der Darsteller mit einigem Unverständnis. "Ich war ja so lange Publikum, war so lange Konsument. Ich finde, das es einem unglaublich gut tut, wenn man von der Konsumentenseite kommt und nicht diese 'Ach, ich bin mir ja zu gut, um ins Theater zu gehen'-Einstellung hat. Ich wollte jeden Abend im Theater etwas anderes sehen; ich wollte jeden Abend eine neue Nuance. 'Na, was zeigt er mir denn heute?' - Das ist es, was ich aufregend fand, nicht jeden Abend die gleichen vorhersehbaren Gesten. Man lacht dann, wenn man schon weiß, was als nächstes kommt." Chris Murray untermalt seine Äußerung mit einem entsprechenden Lachen und fährt fort: "Das fand ich immer langweilig. Man muss sich natürlich an ein bestimmtes Gerüst halten und die Kollegen nicht hereinlegen. Das wäre - ehrlich gesagt - Arschkartenverhalten. Aber ich finde, in einem bestimmten Rahmen muss man einfach versuchen, das Stück jeden Abend neu zu erleben, es auf sich zukommen zu lassen und nicht großartig die Birne einzuschalten." Chris Murray erfindet spontan eine extrem gekünstelte Rollenanlegung und lacht. "Nein, das wäre mir emotional viel zu unehrlich! Ich bin ja einer, der unglaublich viel recherchiert. Ich befasse mich sehr, sehr, sehr viel mit den Figuren, wovon ich hoffe, dass man es auch auf der Bühne sieht", meint er und klopft auf seinen Schädel wie auf Holz, "aber dieses versuche ich vorher zu tun und nicht, es auf der Bühne zu illustrieren: 'Guckt mal, was ich alles weiß und kann!'. Auf der Bühne sollte man dieses wissen einfach verpacken, versuchen es in die Figur einzubauen und dann einfach machen. Man sollte in dem Moment nicht so sehr mit dem Kopf, sondern mehr mit den Emotionen und dem Herzen dabei sein."

Im nächsten Abschnitt des Gesprächs gibt Chris Murray über Unterschiede in den beiden "The Scarlet Pimpernel"-Inszenierungen von Robert Herzl (Halle und Baden), vor allem bezüglich seiner Figur Chauvelin, Auskunft. Er überlegt kurz und führt dann aus: "Es haben sich ein paar Dinge im Bezug darauf geändert, dass wir die vierte Wand mehr durchbrechen. Um das einmal kurz vom Bühnenjargon her zu erklären: Wenn du auf die Bühne kommst, hast du rechte Hand, linke Hand und hinter dir. Das, was vor dir ist, wird im Schauspielerjargon als die vierte Wand bezeichnet. Da gibt es ganze Schauspieltheorien, ob man die durchbrechen sollte, um es mal so hübsch dramatisch zu sagen, oder ob man sie nehmen sollte, als ob man in einem abgeschlossenen Raum ist. - Da ist eine Wand, und das Publikum ist einfach voyeuristischer Zugucker. - Es gibt ganze Theaterfomen, die darauf basiert sind, die vierte Wand zu ignorieren oder sie komplett zu durchbrechen, zu sagen: 'Ha, ihr sitzt da draußen; ich sehe euch!'. In dieser Produktion, um auf die Frage zurück zu kommen, durchbrechen wir diese vierte Wand bewusst. Es wird im Publikum gespielt; es wird im Saal gespielt; das Publikum wird direkt anfokussiert. Ich habe zum Beispiel einen großen Unterschied in 'Falke auf der Jagd'. Da komme ich nach vorne und sage sinngemäß: 'Ich bin nicht aus Versehen geboren; ich bin nicht hier, um Gott zu werden, aber ich bin ganz bestimmt nicht hier, um vor dir klein beizugeben, du Doofer!' Das ist für mich ein inhaltlicher Unterschied, ob ich den Dialog für mich, sozusagen nach innen fokussiert halte, oder ob ich auf das hinausgehe, was sie hier die Passarella nennen, den Umgang vor dem Orchestergraben, und dort stehe und sage: 'Hallo, ich bin nicht hier wie vom Himmel gefallen, wie ein Sack Kartoffeln; ich bin hier, um das und das zu machen und auf keinen Fall das und das!'. Das ist dann doch ein großer inhaltlicher Unterschied. Am Schluss, wo ich abgehe, ist auch ein Unterschied, nämlich der, dass Chauvelin die Zuschauer direkt anredet und sagt: 'Glauben Sie nicht auch, dass es mir eigentlich ganz gut gehen wird, denn ich werde in den Salons massiert werden, nicht die?', und dann darf er sich ins Fäustchen lachen und unter dem Motto 'Tschüss, ihr Dödels!' abgehen. Das ist auch ein kompletter Unterschied. Ob das jetzt so viel besser oder so viel schlechter ist, das sei dahingestellt, weil es einfach ein anderer Ansatz ist. Das fand ich eigentlich ganz spannend, weil die Kreativen nicht versucht haben, das Stück so kopierpapiermäßig auf die Bühne zu bringen, wo nur vorgeschrieben wird, wer wo zu gehen hat." Chris Murray berichtet aus seinem reichen Erfahrungsschatz: "Ich hatte vor zwei Jahren eine Inszenierung von 'Der Mann von La Mancha', wo die Neuinszenierung wie eine Wiederaufnahme war. Der Regisseur ist gekommen, hat sein Buch aufgeschlagen und gesagt: 'So, jetzt gehst du nach rechts, dann läufst du nach vorne und machst das...'. - Und ich dachte: 'Häh, wie bitte?'" Chris Murray lacht und fügt hinzu: "Das ist ja überhaupt nicht mit mir erarbeitet; das ist ja wie eine Wiederaufnahme und wird als Neuinszenierung deklariert! - Und das ist das Schöne hier: Sie haben das genommen, was war, haben es aber komplett auf die Gegebenheiten zugeschnitten und optimiert. Zum Beispiel die Stelle, an der der Diener zu Marguerite kommt und ihr jetzt sagt, er habe eine Botschaft vom französischen Konsulat für sie. Sie ist erklärender, wo die Handlung vorher unklar war. Wir haben überlegt, wie wir das klarer machen können. Noch ein Beispiel ist 'Mitten ins Feuer hinein'. Nun heißt es: 'Meine Herren, wir fahren jetzt nach Frankreich', und alle antworten: 'Nach Frankreich!'. Es sollte in Halle das gleiche sein; das hat aber nie jemand geschnallt; deshalb wird es hier illustriert. Man sagt: 'Passt mal auf', und am Ende des Songs sagen sie: 'Willkommen in Frankreich!', damit es fürs Publikum eindeutig verständlich ist. Das sind die Sachen, die sie reingebracht haben, weil sie gesagt haben: 'Wir als Gucker haben vorher nicht verstanden, wo es hinging und müssen diese Geschichte klarer erzählen, denn je klarer eine Geschichte erzählt wird, desto leichter wird es für das Publikum, ins Boot mit einzusteigen und einfach mitzufließen'."

Auf die Vermutung hin, dass es kein besonderer Reiz für einen Künstler ist, eine Produktion an zwei Stellen zu machen, reagiert Chris Murray so: "Wäre es eine Tourneeproduktion, bei der das Gesamtpaket verpflanzt wird, dann wäre es natürlich reizvoll für mich, mich in einer meiner Paraderollen einem neuen Publikum vorstellen zu dürfen. Künstlerisch ist es dann nicht so reizvoll, aber die Rolle macht einfach einen Heidenspaß. Hier haben wir das ja nicht gemacht. Wenn ich herumgucke und sehe Percys Freunde, die ganzen alten Kostüme mit neuen Köpfen, das ist ungewohnt für mich, aber das bedeutet, dass es schon deshalb eigentlich neu ist, weil sie komplett anders spielen. Die Freunde haben in manchen Szenen auch neue Kostüme an. Das wird dem Halle-Gucker natürlich sofort auffallen, mir zu Beginn auch, aber jetzt habe ich mich auch an die Nasen gewöhnt, denn es passt. - Das ist der Reiz: dass es keine 1:1-Kopie war, sondern dass wir viel daran herumgefeilt haben." Chris Murray erläutert weitere Veränderungen der Produktion en detail und sagt abschließend zu dem Thema: "Das sind Optimierungen, die das Stück für mich wieder neu und interessant machen."

"Welche Rolle war die bislang größte Herausforderung für Sie, Herr Murray?", lautet die nächste Frage, und Chris Murray trennt die Antwort in den gesanglichen und den schauspielerischen Bereich. "Gesanglich war wahrscheinlich Frederick Trumper in der Dresdner 'Chess'-Produktion eine der größten Herausforderungen der letzten paar Jahre, weil es eine der höchsten Rollen im Musical-Repertoire überhaupt ist. Es war das erste Mal, dass sie in Deutschland jemals in den Originaltonarten gesungen wurde; sonst wurde sie immer eine Terz oder einen Ganzton nach unten transponiert. Diese Sachen sind im Original wirklich, wirklich hoch, und ich freue mich, dass das Publikum es nicht bemerkt hat, denn das ist mein Job. Keiner sollte merken, dass das schwierig für den Sänger ist. Das war für mich eine große, große Herausforderung, und es hat mich sehr gefreut, dass das Publikum einfach mitgegangen ist und es honoriert hat. Von der Lage her ist es wirklich hoch. 'Jesus', den ich auch sehr, sehr oft gesungen habe, ist noch höher , aber er liegt nicht in dieser sehr unbequemen Lage von a' - c'', und das tut Frederick. Frederick hat nie etwas wirklich Lockeres zu singen - außer den Anfang von 'Pity the child', aber dann geht es gleich richtig zur Sache." Chris Murray unterstreicht diese Aussage mit Beatbox-Sounds. "Ich bin sehr stolz, dass ich das gesamte Teil als erster in Deutschland in den Originaltonarten gesungen habe. Im 'Interview' da strotzt es nur so von b's und h's, richtig hohe Mucke, und da war ich sehr froh, das geschafft zu haben.
Darstellerisch war 'ChristO' im Münchner Theater am Gärtnerplatz eine große Herausforderung für mich, weil diese Rolle eine gespaltene Rolle in einer sehr artifiziellen Umgebung ist. Sie glaubhaft darzustellen hat sehr viel introspektive Arbeit von mir gefordert. Ich hätte natürlich einfach mit langen Haaren herauskommen, ein bisschen abrocken und mit dem Kopf wippen können - und es ist alles cool. Aber das genügt mir nicht. Ich möchte die Leute irgendwie berühren, und ich möchte nicht nur dastehen und 'orgeln'. Das war für mich darstellerisch eine große Herausforderung, weil ich einfach unzufrieden war mit dem, was ich nach den ersten Wochen erarbeitet hatte. In Einklang mit Autor und Regisseur Holger Hauer habe ich dann tabula rasa gemacht." Chris Murray erzählt, wie die ganze Rolle nochmals neu ausgearbeitet wurde und kommt erneut zu dem Schluss, das das seine bislang größte Herausforderung als Schauspieler war.

Der Musicals Unlimited-Redaktion ist aufgefallen, dass Chris Murray immer wieder Charaktere verkörpert, die eine bestimmte, teils fanatische Vorstellung von Recht und Ordnung haben und ihre Ansichten vehement vertreten. Darum wird Chris Murray gefragt, wie er zu diesen Rollen steht, ob er privat auch ein ordnungsliebener Mensch mit starkem Rechtsempfinden oder eher 'kreativer Chaot' ist. "Wahrscheinlich ein bisschen von beidem", antwortet er. "Ich muss die Figur, die wir da auf der Bühne sehen, so veristisch und lebensnah verkörpern, wie ich es für richtig halte. Deswegen muss ich von der Figur, die ich spiele, überzeugt sein. Wenn ich es nicht bin, wäre es arrogant von mir zu denken, dass das Publikum mir jemals glauben oder folgen würde. Deswegen versuche ich mich emotional und intellektuell der Glaubenswelt der Figur, die ich verkörpere, komplett zu ergeben. Ich möchte nicht, dass jemand kommt und sagt: 'Oh, da ist ja Chris, der versucht, den und den zu spielen.' Ein Kommentar, den ich oft genau auf dieser Schiene bekomme, ist der: 'Den Charakter spielst du ja so perfekt; das bist bestimmt du!' Dann denke ich immer: 'Wenn die wüssten...'" Chris Murray lacht. "Das bin nicht ich. Das ist, was ich tue. An mir sind wegen meines späten Einstiegs ins Musical-Geschäft die Liebhaberrollen komplett vorbeigegangen. Ich habe niemals Marius in 'Les Misérables' gesungen; ich habe niemals diese ganzen Herzschmerz-Rollen gesungen. Ich bin sofort ins Charakterfach eingestiegen - wahrscheinlich, weil ich eben so spät ins Geschäft eingestiegen bin. Da ich Charakterfiguren spiele, sind diese meist Figuren mit sehr starken Meinungen, und ich finde, wenn ich keine lesbare Meinung auf der Bühne darstelle, kann ich nicht erwarten, dass das Publikum sie lesen kann. Wenn ich eine ambiguitive Figur auf der Bühne darstelle, dann glaube ich, das Publikum zu langweilen. Das Publikum soll sehen, was die Figur denkt. Es ist doch meine Aufgabe, eine Emotion zu zeigen, was sehr persönlich ist und sehr viel von mir erfordert. Auf der Bühne bin ich daher sozusagen im extrovertierten Modus und bin sehr extrovertiert, aber als Privatmensch bin ich teilweise recht introvertiert, weil ich sehr zweifelnd bin. Ich denke immer darüber nach, was war, und ich beobachte Menschen. - Warum und was tun sie? - Es ist mein Job, Emotionen zu erforschen..Ich muss in der Lage sein, auf der Bühne eine Emotion zur Schau zu stellen oder lesbar darzustellen. Ich lasse das Publikum sozusagen herein, damit wir etwas zusammen erleben können  Der Punkt ist ja nicht, dass ich auf der Bühne masturbiere, mich selbst ganz toll fühle und es nicht fürs Publikum tue. Das ist uninteressant, wenn man zur Bühne hochguckt und denkt: 'Der fühlt sich aber ganz toll; dem macht's Spaß, aber wir...' Das ist uninteressant! Ich muss mich so weit öffnen, dass ich Emotionen in einer hoffentlich ehrlichen, teilbaren Art zur Schau stelle, damit das Publikum mir auf halber Strecke mit ihren Herzen, die auch.sehr privat und geschützt sind - denn wir stellen doch nicht unser wahres Ich jeder x-beliebigen Person zur Schau -, entgegenkommt. Dass wir uns da in der Mitte treffen und irgendetwas erleben, das geheim ist und geheim bleibt, das macht für mich den gesamten Zauber und den Reiz meiner Arbeit aus. Ich bin teilweise meinem Publikum näher, als ich es den Personen in meinem Leben jemals sein werde und möchte, aber in meinem Job liebe ich diese Momente, wo ich mit dem Publikum emotional wirklich fast verschmelzen kann und sie mit mir vielleicht eine Träne vergießen, oder sie sich mit mir freuen, oder sie sich wie bei Chauvelin mit einem dunklen Humor diebisch über die Dödels da lustig machen." Chris Murray gibt ein Lachen voller Schadenfreude von sich. "Für diese Momente lebe ich. Sie sind nicht ich; sie sind ein Teil von mir, aber dann auch wieder nicht. Das ist, was ich tue. Ich teile einen Teil meines Ichs mit dem Publikum, und sie teilen einen Teil von sich, wenn ich meine Arbeit richtig tue. Wenn ich sie nicht richtig tue, haben wir vielleicht schöne Musik gehört, aber es ist nichts passiert. Wir haben uns nicht getroffen, und das Publikum zu treffen, ist im Endeffekt mein Ziel." Chris Murray imitiert ein beeindrucktes Publikum, dem es fast die Sprache verschlagen hat. "Das ist für mich das Ziel", sagt er lachend. Und weiter: "Ich kann es schwer erklären; es ist ein komischer Zwiespalt. Da bin ich, und das seid ihr da draußen. Wir duzen uns emotional, aber dennoch kennen wir uns nicht, und das, so finde ich, ist der Zauber meines gesamten Berufs."

Da Chris Murray eine klassische Gesangsausbildung genossen hat und im klassischen Musikbereich tätig war, interessiert es zu erfahren, welchen Bezug er heute zur dieser Musikgattung hat. Seit Jahren ist er ja vorwiegend als Musicaldarsteller tätig... Der Künstler erzählt: "Ich bin durch meinen Vater, einen Kammersänger von und zu, auf der Bühne aufgewachsen; ich bin mein Leben lang in Theatern umhergegangen. Es ist alles Musiktheater! Ich habe dort wie hier absolute Tiere auf der Bühne erlebt, vor denen ich nur niederknien kann, und ich habe absolute Nulpen erlebt. Es existieren eigentlich außer den stilistischen Unterschieden in der Musik, in der Ausführung - und das sage ich ganz explizit - keine Unterschiede. Man kann auch einen Puccini nicht wie einen Donizetti und nicht wie einen Händel singen. Der, der es tut, macht einen Fehler. Man kann einen Wildhorn, wie ich es jüngst gehört habe, nicht wie ein Schubert-Lied singen." Chris Murray sagt mit großer Bestimmtheit, dass das "einfach stilistisch falsch" ist. "Man sollte es nicht tun - wenn doch, hat man seine Hausaufgaben nicht getan. Ich habe Frderick Trumper hoffentlich überhaupt nicht so gesungen, wie ich Valjean singen würde. Valjean singe ich nicht wie Javert. Chauvelin hat eher sehr viele Ähnlichkeiten mit der klassischen Schiene, weil seine Musik eher klassisch ist. Ich versuche ganz bewusst, mit ihm stilistisch klassischer zu bleiben, weil ich finde, dass die Musik das sagt. Die Musik ist das, was zu mir spricht. Diese Sprache muss ich ehrlich übersetzen." Chris Murray gibt Töne von sich, wie man sie im Hard Rock erwarten würde. "Wenn ich da dann solche Töne herausholen würde, wäre das falsch. Von der Klassik-Seite hilft mir meine Gesangsausbildung sehr, die ich bei meinem Vater genossen habe." "Es war natürlich so, das Vater und Sohn sich ab und zu mal wie Ziegenböcke die Köppe einjehauen haben, weil wir beide recht theatermäßige Persönlichkeiten sind", fügt Chris Murray ein und "berlinert" hier ein wenig, wie er es schon mehrfach im Gespräch getan hat, wenn er etwas mit einem kleinen Augenzwinkern erwähnt, "aber er konnte etwas, das ich nicht konnte, und ich bin ihm unendlich dankbar, dass er mir diese solide Gesangstechnik mit auf den Weg gegeben hat. Und das, muss ich sagen, kriege ich noch von der Klassik. Alles andere ist ehrlich gesagt fließend."
Weiter spricht Chris Murray über Arroganz in allen Musikbereichen, ob klassisch oder nicht. Er erwähnt das Vorurteil von Musical-Künstlern den Opernsängern gegenüber, dass diese "nur auf der Bühne stehen, den Arm ausstrecken und Töne singen" und die Meinung der "Opernleute", dass "die Musicalleute alle nicht singen können". Aus eigener Erfahrung spricht  Chris Murray so: "Ich kann nur sagen, ich habe auf beiden Seiten Kompetenz und Inkompetenz live miterlebt, und keiner nimmt sich irgendetwas von dem anderen. Es gibt Leute, die wollen großes Musiktheater machen, und es gibt Leute, die nur dastehen und denken, sie machen große Kunst."

Nachdem wir im Verlauf des Interviews viel über Chris Murrays aktuelles Engagement in Baden erfahren haben, wird er um Auskunft über weitere anstehende Projekte gebeten. Der gefragte Künstler berichtet von diesem "spruchreifen" Engagement: einer neuen "Jesus Christ Superstar"-Produktion am Staatstheater Darmstadt, auf die er sich sehr freut, weil dort Mei Hong Lin Regie führen wird, mit der Chris Murray bereits bei der Erfurter "Jesus Christ Superstar"-Inszenierung (DomStufen-Festspiele, 2005) zusammen gearbeitet hat. Dort stand Chris Murray ebenfalls in der Titelrolle auf der Bühne und erinnert sich: "Die Produktion hat sehr viel Spaß gemacht, weil sie ein wenig hippiemäßig war. Die ganzen Kostüme hatten etwas von 'John Lennon bei Bhagwan'. Das war eine sehr schöne und fruchtbare Zusammenarbeit damals. Ich freue mich auf das neue Team und die neue Situation in Darmstadt." Viel mehr kann Chris Murray noch nicht verraten, da die Verträge für weitere Aufgaben noch nicht unterschrieben sind, aber er erzählt,dass im Januar 2009 ein Solokonzert auf ihn zukommt, auf das er sich ebenfalls sehr freut. "Es sind außerdem diverse CD- und DVD-Aufnahmen geplant", fährt Chris Murray fort und klopft auf Holz, "sehen wir mal...".

Jeder Mensch hat ja so seine Wünsche und Träume, und von Chris Murray möchte Musicals Unlimited in Erfahrung bringen, ob er sich im beruflichen Bereich gerne noch etwas Spezielles verwirklichen will. "Ja, eigentlich schon, ich möchte gerne irgendwo Intendant werden", antwortet er recht spontan. "Ich habe in fast jeder Abteilung im gesamten Theater gearbeitet - ich war Bühnenmeister; ich war Bühnentechniker; ich war Requisitenchef; ich habe für vier Monate in der Tischlerei gearbeitet; ich habe in der Schlosserei gearbeitet; ich habe Kostüme gebaut; ich kenne mich wirklich gut aus. Deshalb denke ich, dass ich viele neue Impulse geben könnte. Ich glaube, von meinem Verständnis her könnte ich da wirklich etwas Interessantes einbringen und künstlerisch einiges auf die Beine stellen. Ich habe auch Regie studiert. - Das wäre schon ein Berufswunsch, an eine Position zu kommen, in der ich etwas für das Publikum tun könnte, weil ich glaube, dass sich einiges in die falsche Richtung entwickelt. Ich muss mit Trauer ansehen, wie um mich herum die Theater geschlossen werden. Es wird einfach zu publikumsfern inszeniert, zu arrogant auf der Bühne Selbstbefriedigung betrieben und irgendwelche hehre, subventionierte Kunst gemacht." Nicht ohne Verbitterung im Ton spricht Chris Murray weiter: "Das kann man tun, wenn man volle Bude hat, aber wenn man eine Auslastung von 32 % hat, wie an einem Theater, an dem ich jüngst gespielt habe, und das gerade geschlossen wurde, dann kann man nicht potthässliche Inszenierungen machen und so tun, als ob 'business as usual' ist. Dann wird das Theater geschlossen, und das sehe ich im Moment überall mit trauriger Gewissheit passieren." "Das ist für mich die Verarmung eines Nibelungen-Schatzes, den Deutschland und der deutschsprachige Raum hüten sollte wie den Gral, weil diese Theaterkultur einzigartig auf der ganzen Welt ist", mahnt der Künstler. Chris Murray fordert jeden zum persönlichen Einsatz auf: "Da sollten sich alle berufen fühlen, denen auf die Finger zu klopfen, die die Häuser leer spielen!"

Zum Abschluss des Gesprächs wird Chris Murray mit der Bitte, aus dem Stehgreif drei Begriffe zum Wichtigsten in seinem Leben zu nennen, noch auf seine Spontaneität hin "getestet". "Meine Frau, meine Kinder und die Liebe", antwortet er. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.        

Der offizielle Fragenkatalog von Musicals Unlimited ist mit dieser Antwort abgearbeitet, aber Chris Murray führt die immens interessante Unterhaltung noch eine ganze Weile fort. Dabei kommt er auch auf seine Schauspiel-Philosophie von "Yin & Yang" zu sprechen, den gegensätzlichen Elementen, die sich ergänzen, dem Auf und Ab im Redefluss auf der Bühne - aber alleine das wäre Stoff für ein weiteres Interview mit dem enorm eloquenten Künstler gewesen...


Weitere Informationen und aktuelle Termine findet man unter www.chris-murray.de.
Claudia Bauer-Püschel
(23.10.2008)