"Die Erschaffung des Mannes"
(Darius Merstein-MacLeod & Ensemble)
Fotos: www.christian-husar.com

"Nach Baden!"

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Robert Herzls Neuinszenierung von "The Scarlet Pimpernel" am Stadttheater Baden



14. Februar 2003 brachte die Oper Halle (damals noch Opernhaus Halle) Frank Wildhorns (Musik) und Nan Knightons (Buch & Texte) Musical "The Scarlet Pimpernel" erstmals in deutscher Sprache auf die Bühne. Dass sich Wolfgang Adenberg, der für die deutsche Textfassung gesorgt hatte, von der Bearbeitung des Werks distanzierte, hätte man für ein schlechtes Omen halten können. Den Zuschauern gefiel die Produktion aber so gut, dass sie immer wieder in den Spielplan aufgenommen wurde und erst am 17. Mai 2008 ihre letzte Vorstellung hatte.

Nun hat das Stadttheater Baden nach einer Freilichtinszenierung der Felsenbühne Staatz als zweite Bühne in Österreich "The Scarlet Pimpernel" ins Programm aufgenommen. Am 18. Oktober 2008 wurde die Spielzeit 2008/2009 mit der Geschichte vom scharlachroten Siegel eröffnet.

Im Badener Team sind viele aus Halle bekannte Namen, in vorderster Front Regisseur Robert Herzl. Er stand vor der Aufgabe, seine erste "Scarlet Pimpernel"-Inszenierung den völlig anderen Gegebenheiten seines Badener Hauses, das nicht über eine Drehbühne verfügt, anzupassen. Diese Notwendigkeit hat er genutzt, um die gesamte Produktion zu überarbeiten, und das Ergebnis kann sich definitiv sehen lassen!

Besonders auffällig ist die Klarheit, mit der die Handlung in Baden erzählt wird. Da sehr vielen unserer Leser "The Scarlet Pimpernel" aus Halle geläufig sein wird, möchte ich hier ein wenig ins Detail gehen. Kennern des Musicals mögen manche Änderungen in punkto "klare Aussagen" schon zuviel sein. - Ja, Mercier ist bestechlich, und man konnte auch am Medaillon, das Percy in der Hand hält, obwohl Grapin es von Chauvelin bekommen hatte, früher schon erkennen, dass es sich bei Percy und dem belgischen Meisterdetektiv Grapin um ein und dieselbe Person handelt. Dazu musste man Percys Verkleidung (wie jetzt in Baden) nicht direkt sehen. - Wenn man aber beobachtet, wie Badener Abonnenten auch bei dieser extrem verständlichen Inszenierung während der Vorstellung noch in der Inhaltsangabe lesen, dann erweist sich der Inszenierungsstil als goldrichtig.

Die Texte des Stücks sind nun überarbeitet, einige Zeilen wurden gestrichen und andere ergänzt. Dadurch und durch andere Elemente der Inszenierung hat sich auch die Charakterisierung der Figuren ein Stück weit verändert. So wurden zu Beginn einige Zeilen Percys gestrichen, so dass erst später deutlich wird, welche Einstellung er vertritt. In der Szene, in der Percy mit seinen Freunden den Geheimbund gründet - gut ist übrigens, dass man nun sieht, wie Armand das Gespräch belauscht - greift er nicht mehr scheinbar spontan zu Siegel und Wachs, sondern hält bereits ein Schreiben mit dem Siegel bereit. Diese kleine Nuance lässt Percy weniger als den kurzentschlossenen Draufgänger, denn als zielstrebigen Menschen, der die Dinge bereits im Vorfeld geplant und durchdacht hat, erscheinen. Später verhält er sich jedoch recht leichtsinnig: Bei seinem Treffen mit Chauvelin an der Brücke, bei dem Percy vorgibt, betrunken zu sein, spricht er kurz mit nüchterner Stimme von seinem Stolz. Das lässt Chauvelin stutzig werden. Am Ende benennt er (wie gehabt) das Zusammentreffen an der Brücke als diejenige Situation, in der er Verdacht über die wahre Identität des Scarlet Pimpernel geschöpft hat. In Halle gab es diesen Moment, in dem Percy aus seiner Rolle als Betrunkener herausfällt, nicht. Soll der Charakter hier bereits seine Enttarnung am Ende bewusst einkalkuliert haben oder doch nicht so durchdacht handeln, wie es zunächst den Anschein hat? - Auf jeden Fall machen Percys Stimmwechsel und Chauvelins Reaktion darauf ("Was?") dem Zuschauer auch hier die vordergründige Handlung noch deutlicher.
Frederic Elton wird in Baden eindeutig als Schwuler dargestellt. Die eher exzentrische, feinere Anlage des Charakters in Halle hat mir persönlich mehr zugesagt. Die größte Veränderung betrifft aber Chauvelin, der in der Badener Version zum stärksten Charakter wird und als Gegenspieler des Scarlet Pimpernel viel Publikumssympathie für sich gewinnt. Sir Percival Blakeney und seine Freunde erscheinen nicht mehr so sehr als die cleveren Guten, und Chauvelin ist im Gegenzug nun viel mehr als der fanatisch Böse. Zu Stande kommt dies unter anderem dadurch, dass der Zuschauerraum in das Stück mit einbezogen wird.

Manfred Waba hat ein zentrales, unbewegliches Bühnenelement geschaffen, das zwar recht wuchtig in Relation zur Bühnengröße erscheint, aber mit seinen Flügeltüren, Treppen und einem Balkon einiges an Funktionalität aufweist. Auch optisch bietet es einiges mehr als Bernd Leistners entsprechender Bühnenentwurf für die Oper Halle. Neben der Hauptbühne, die durch statische und animierte Projektionen in die verschiedensten Orte verwandelt wird, werden im Stadttheater Baden - stärker noch als bei "Les Misérables" - auch die Fläche rund um den Orchestergraben, die Gänge und sogar der erste Rang bespielt. Hier ist Chauvelin diejenige Figur, die das Publikum sogar direkt anspricht. So ist es auch am (immer noch etwas kantigen) Ende des Stücks. Chauvelin erkennt explizit, dass er gut damit leben wird, dass ihm als vermeintlichen Scarlet Pimpernel alle Türe offen stehen werden und wendet sich mit diesen Gedanken an die Zuschauer. Er befindet sich dabei vor dem Orchestergraben und verlässt nicht eilig die Bühne. Die Musik setzt nun früher ein als in Halle. Percys Kommentar von der Bühne aus, dass "es die Sache doch wert war", weil "Bürger Chauvelin sich von nun an gut kleiden muss", geht so ein wenig unter; er wirkt nicht mehr wie das letzte Wort in der Auseinandersetzung zwischen ihm und Chauvelin. Für Theaterbesucher, die "The Scarlet Pimpernel" kennen, sind es gerade auch solche Veränderungen in der Charakterzeichnung, die die Badener Produktion interessant machen.

Neben dem Bühnenbild von Manfred Waba, sorgt die Beleuchtung (Johann Quarda, Christian Sarsan) für einen überzeugenden optischen Gesamteindruck. Abstriche sind manche abrupten Lichtstimmungswechsel, in einigen Szenen im Dunklen liegende Gesichter oder das rote Licht, das ungewollt durch die oberste Türlamelle des Bühnenbilds scheint. Man bekommt viel fürs Auge geboten. Vermisst habe ich einzig Blitze bei der Liedzeile "Lasst die Blitze nur zucken" (aus "Mitten ins Feuer hinein"). Die optische Untermalung dieser Stelle hätte mit gefallen, war aber vermutlich rein technisch nicht gut zu realisieren, da man in dieser Szene eine Wellengang-Projektion sieht. 

Die Kostüme stammen wie schon in Halle von Götz Lancelot Fischer (Kostüm-Koordination: Friederike Friedrich). Auch hier hat man sinnvolle Änderungen vorgenommen; so tragen Percys Freunde nach der Hochzeit nun andere Kleider als auf der Feier. Wer die Produktion aus Halle kennt, wird sich aber nicht auf ein vollends anderes Kostümbild einstellen müssen; die bunten Kostüme haben ohne Zweifel zum dortigen Erfolg des Stücks maßgeblich beigetragen und sind auch in der Badener Version (von einem besonders unvorteilhaften Beinkleid einmal abgesehen) gelungen vorhanden.

Die Choreografie stammt wie bereits in Halle von Rosita Steinhauser. Glücklicherweise wurde die Choreografie, die in Halle die Aktionen des Scarlet Pimpernel illustriert hat, gestrichen und durch eine mit viel Bewegung gespielte Szene ersetzt. Jetzt erlebt der Zuschauer die raffinierten Befreiungen von Gefangenen auf sehr unterhaltsame Weise. Ansonsten erfüllt Rosita Steinhausers Choreografie ihren Zweck sehr gut, und vor allem wird sie hier vom Ballett (Leitung: Mátyás Jurkovics) exakt umgesetzt!
Ein Lob geht auch an Christian Zmek, der für die choreografische Assistenz und die Kampfchoreografie zuständig war. Letztere ist in Baden endlich ein Stück schmissiger gelungen als in Halle.

Zwar ist das Badener Städtische Orchester kleiner als das der Oper Halle, aber dafür sitzt die Intonation der Blechbläser. Man merkt Franz Josef Brezniks musikalischer Leitung an, dass er mit Freude arbeitet. Das überträgt sich hörbar auf seine Musiker und natürlich aufs Publikum. Das Zuhören macht hier rundum Spaß! Der ordentlich mikrofonierte Chor singt durchweg live - es gibt auch zusätzliche Chorstimmen - und bei "Madame Guillotine" vor allem synchron, was für gute Textverständlichkeit sorgt.
Jörg Humer hat passend dazu den guten Ton (Assistenz: Cornelia Ertl, Silvia Panzer, John Suttill) und ein einwandfreies Sounddesign geliefert.

Zur Besetzung:
In der Titelrolle des Sir Percival Blakeney alias "der Pimpernel" steht wie schon in der deutschsprachigen Uraufführung Darius Merstein-MacLeod auf der Bühne. Stimme bringt er zweifellos für diese Rolle mit; Lieder wie "Gebet" oder "Sie war immer da" werden technisch perfekt interpretiert. In den ernsten, ruhigen Momenten des Stücks überzeugt der Künstler mit ausgefeilter Mimik. Seine größte Schwäche liegt in den komischen Teilen von "The Scarlet Pimpernel". In der Premiere agierte Darius Merstein-MacLeod bei der Einleitung zu "Der Scarlet Pimpernel", bei der Percy am Spinett sitzt, bei "Die Erschaffung des Mannes" oder in der Betrunkenenszene derart übertrieben, dass die Komik sehr aufgesetzt anmutet und an Wirkung verliert. Die Figur Percys, die meiner Meinung nach immer noch hinter dem Scarlet Pimpernel präsent sein sollte, wird in diesen Momenten unglaubwürdig. Percy plant zu Beginn der Handlung, sich als "eitler Dummkopf" auszugeben; aus "eitel" wird jedoch - pardon - tuntig, wenn Darius Merstein-MacLeod seinem Drang zur künstlerischen Selbstdarstellung nachgibt. Der Bühnenfigur wird er damit nicht mehr gerecht. Sir Percival Blakeney wirkt vor allem in der Spinett-Sequenz schlicht verrückt, während Chauvelin sich völlig vernünftig verhält - eine weitere Verschiebung der Charaktere zugunsten Chauvelins. Vielleicht sollte man die innere Logik eines Musicals bei einer Komödie ja ein Stück weit außer Acht und fünf gerade sein lassen; ich persönlich erwarte aber auch von einer humoristisch geprägten Figur wie der des Scarlet Pimpernel ein bestimmtes Level an Anspruch. Dem Badener Premierenpublikum gefiel Darius Merstein-MacLeod offenbar größtenteils auch in den schrillen Momenten. (Nicht nur) mich lässt dagegen die Stelle mit zufälligem, leisem Humor besonders schmunzeln, an der Sinto Darius Merstein als Percy - in der Badener Version besonders betont - seinem Mitstreiter vorschlägt, sich als "Zigeuner" zu verkleiden.

Maricel ist in der Rolle von Marguerite St. Just, Percys Ehefrau, zu sehen. Diese Rolle spielte sie bereits vom 27. Januar 2007 bis zur Derniere von "The Scarlet Pimpernel" in Halle. Ihr steht diese Rolle einfach gut; Stimme und Optik gefallen. Mit viel Charme haucht die Künstlerin ihrer Figur Leben ein und lässt den Zuschauer alle Emotionen Marguerites leicht nachvollziehen. Zu Maricels gesanglichen Publikumsfavoriten gehört neben ihren großen Solotiteln auch das Duett "Du gibst mir Halt". Hier harmoniert sie wunderbar mit Zoltán Tombor, der hier wie schon bei der deutschen Uraufführung Marguerites Bruder Armand rollendeckend verkörpert.

Als Percys Gegenpart Chauvelin beweist Chris Murray, der ebenfalls zur Originalcast der deutschen Uraufführung gehörte und seine Rolle bis zur Derniere spielte, die größte Bühnenpräsenz im Ensemble. An seinem Gesang gibt es nichts zu bemängeln; er beeindruckt mit Ausdruck und Klangvolumen. Entsprechend erntete er vom Premierenpublikum auch den stärksten Beifall des Abends für eine Solonummer ("Falke auf der Jagd"). Sein "Das Mädchen von früher" berührt und lässt einen in der Musik schwelgen; die Reprise des Songs vermittelt pure Energie. An Chris Murrays Mimik kann man durchgehend jeden Gedankengang Chauvelins ablesen, und sein trockener Humor in dieser Rolle kommt an. - Eine 1a-Leistung!

Sehr gut besetzt sind Marie Grosholtz mit Christa Ertl, Tussaud mit Robert Sadil und Adjutant Mercier mit Franz Josef Koepp. Auch die Darsteller von Percys Freunden geben alles, auch wenn mir in Halle die ein oder andere Nuance besser gefallen hat, die zum Beispiel schon durch den stärkeren Größenunterschied der dortigen Künstler bedingt war. (Erwähnt sei die Stelle bei "Die Erschaffung des Mannes", an der Frederic in die Arme von Benjamin hüpft.) Zu sehen sind in Baden: Alois Haselbacher (Lord Anthony Dewhurst), Sam Madwar (Sir John "Ozzy" Osbert), Stephan Wapenhans (Frederic Elton), Dietmar Seidner (Lord Andrew "Andy" Farleigh), Jan Hutter (Hal Stanton) und Christian Zmek (Benjamin Stubbs).
Mario Fancovic gibt einen Marquis de St. Cyr, den man bei "Madame Guillotine" auch aufgrund der geschickten Positionierung außerhalb des Ensembles endlich einmal verstehen kann. Franz Födinger passt in die Rolle von Percys Butler Jessup, und Robert Herzl (ein Namensvetter des Regisseurs) beweist als Robespierre im Dialog mit Chauvelin einen guten Sinn fürs Timing. Klaus Ofczarek stellt als Prince of Wales einen Blickfang dar. Dessislava Philipova intoniert ihren kurzen Solopart als Hélène einwandfrei; und mit Sonja Fischerauer als Chloé hat man in Baden eine junge Künstlerin, die wirklich singen kann!

Fazit: Robert Herzls Badener "Scarlet Pimpernel"-Inszenierung ist um einiges ansprechender geworden als seine erste Fassung in Halle. Man merkt der Produktion an, dass Künstler und Kreative mit Herz bei der Sache sind. Alle, die "The Scarlet Pimpernel" noch gar nicht oder aus einer der Freilichtinszenierungen kennen, werden eine sehr unterhaltsame Vorstellung mit erfahrenen Hauptdarstellern erleben. Besucher, denen die Hallesche Produktion noch in gutem Gedächtnis ist, werden ihre Freude daran haben, viel Bekanntes, aber auch einiges Neue zu entdecken. - Also heißt es frei nach "The Scarlet Pimpernel": "Nach Baden!"

Claudia Bauer-Püschel

(22.10.2008)