© Fotos: Heiner Schäffer, Tecklenburg




Flower Power in Tecklenburg:

Premiere des Kult-Musicals "Hair"



Ein betörender Räucherstäbchenduft liegt in der Luft, schillernde Seifenblasen schweben umher, bunte Tücher mit psychedelischen Mustern beherrschen die Szenerie...
Nein, wir befinden uns nicht in einer '68er Kommune, sondern auf der Freilichtbühne Tecklenburg, wo am 30. Juli 2005 das Kult-Musical "Hair" in der deutschen Fassung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald Premiere feierte.

Von belangloser Komik bis zum politischen Statement: Gerome Ragnis, James Rados (Texte) und Galt MacDermonts (Musik) Musical "Hair" schwankt wohl kalkuliert zwischen Extremen, ebenso wie seine Protagonisten. Da wäre zum Beispiel Berger, der sich immer cool gibt, wie sein ganzer "Hippie-Tribe" Liebe statt Krieg propagiert, die Menschen in seinem Umfeld jedoch zuweilen recht herzlos behandelt. Da trifft man auf Claude, der hin- und hergerissen ist zwischen pazifistischer Gesinnung und Pflichtgefühl seinem Land und dem Establishment gegenüber. Er sucht vergeblich bei den Hippies nach Orientierung. Am Ende zieht er dann doch in den tödlichen Krieg und wird zum mahnenden Synonym für all dessen sinnlose Opfer. - Auch wenn der Zeitgeist von Flower Power und freier Liebe schon eine Weile zurückliegt, und lange Haare nicht mehr unbedingt eine Lebenseinstellung symbolisieren, so hat die zentrale Botschaft von "Hair" dennoch nichts von ihrer Eindringlichkeit eingebüßt, denn wo man sich auf der Welt auch umschaut, überall stößt man auf Krieg und Terror.

Dean Welterlen hat die Tecklenburger Produktion mit viel Feingefühl für die Thematik und die damalige Zeit in Szene gesetzt. Unter seiner Regie entfaltet sich ein buntes, lebhaftes Bild der Blumenkind-Ära.  
Im ersten Akt hätte man auf diverse überflüssige, deutschlandspezifische Anspielungen (Bergers "Tecklenberger" war ja noch witzig...) verzichten sollen, auch auf die Gefahr hin, daß das deutsche Publikum eventuell nicht alle Originalgags versteht. Ein kleines Manko war auch, daß manche Wörter aus unersichtlichen Gründen englisch ausgesprochen wurden, obwohl man ebenso gut bei der deutschen Version hätte bleiben können. Ansonsten gab es am Premeierenabend nicht viel zu bemängeln.
Von Regie und allen Beteiligten toll umgesetzt war Claudes Horrortrip im zweiten Akt!
Dies wäre ohne die lebendige, detailreiche Chreographie von Daris Marlis nicht möglich gewesen. Ein Lob an ihre Gesamtleistung!

Bühnenbild (Diba Corvus) und Kostüme (Karin Alberti) brachten das richtige Flair auf die Bühne.

Musikalischer Leiter des Abends und Solo-Gitarrist auf der Bühne war Klaus Hillebrecht, der mit seiner Band ordentlich Drive in die Show brachte, aber an den passenden Stellen auch für gefühlvoll leise Töne sorgte.

Der beinahe schon zum Tecklenburger "Inventar" zählende Sascha Th. G. Krebs verkörperte die Rolle des Berger treffend und schien ganz in seinem Element zu sein. Schade war nur, daß man bei der Textverständlichkeit Abstriche machen mußte, insbesondere im ersten Teil, in dem auch noch ein knacksendes Mikrophon die Verständlichkeit erschwerte.

Claude-Darsteller Ralf Schaedler war dagegen sehr gut zu verstehen. Zwar würde ich mir Claude optisch ein wenig anders vorstellen, das tat Ralf Schaedlers überzeugender Performance jedoch keinerlei Abbruch. Am Stimmlichen gab es genauso wenig zu kritisieren, wie an seiner schauspielerischen Umsetzung. Schaedlers Claude durchlebte fast die ganze Bandbreite der Gefühle - eine sehr gute Leistung, die berührte!

In nichts nach stand ihm Katja Berg als Sheila. Stimme, Schaupiel und Bühnenpräsenz - da paßte einfach alles.

Als Dionne stand die "Hair"-erfahrene Peti van der Velde auf der Bühne. Von ihr hätte man gerne mehr gehört. Einer ihrer Höhepunkte war sicher ihr "Supremes"-Auftritt, und bei "Let the sunshine in" sorgte sie zusammen mit Katja Berg für Gänsehaut. In der Rolle des Woof begeisterte Michael Eisenburger das Tecklenburger Publikum. Außerdem traten Marc Boadu (Hud), Christopher Hemmans (Ron), Ramona Ludwig (Crissy), Lillemor Spitzer (Jeannie), Michael Bergmann (Leni Riefenstahl) und der Tribe Isabel Dan, Marco Heinrich, Jan Altenbockum, Rebecca Stahlhut, Marion Gutzeit, Philipp Georgopoulos, Michaela Schober und Marc Schlapp auf. 

Lobend erwähnt sei auch der Chor der Freilichtspiele Tecklenburg (Einstudierung: Ralf Junghöfer).

Fazit: Vor allem im zweiten Akt zeigte sich die Tecklenburger "Hair"-Produktion von ihrer besten Seite: abwechslungsreich und emotional. So wurden Cast und Kreativteam dann auch verdientermaßen mit Standing Ovations gefeiert.
In diesem Sinne: "Let the sunshine in!"    


Informationen zu "Hair" und den Tecklenburger Festspielen gibt es unter: http://www.buehne-te.de/.


Claudia Bauer-Püschel
(01.08.2005)