"Les Misérables"



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Zu Recht gefeierte deutsche Freilicht-Premiere in Tecklenburg

Jean Valjean (Christopher Murray)
Fotos: Heiner Schäffer, Tecklenburg


Lange hatten die Tecklenburger Freilichtspiele darum gekämpft, das Revolutionsmusical "Les Misérables" als erste deutsche Bühne unter freiem Himmel zeigen zu können. - Am vergangenen Samstag (24. Juni 2006) war es endlich soweit!

Trotz der deutschen Spielbeteiligung an der Fußball-WM an diesem Tag war das Tecklenburger Freilichttheater am Premierenabend bis auf den letzten Platz gefüllt, und das Publikum sollte bei phantastischem Sommerwetter eine rundum gelungene Inszenierung des Boublil/Schönberg-Klassikers erleben, für den die Burgruine eine wunderbare Kulisse darstellt. Fest steht: Das Tecklenburger Team hat die Chance, die ihm das musikalisch und inhaltlich sehr gute Ausgangsmaterial des Stücks bot, einwandfrei genutzt.

Zu bemängeln gab es bei dieser Aufführung wenig. Kleinere tontechnische Probleme und Unsicherheiten im Ensemble, die bei der zweiten oder dritten Vorstellung nicht mehr vorhanden sein dürften, waren auch schon der größte Wermutstropfen. Die Darsteller, von denen einige bereits Erfahrung aus anderen "Les Misérables"-Produktionen mitbrachten, bildeten eine erstaunlich homogene Cast; die Qualiätsunterschiede waren hier nur graduell.

Doch der Reihe nach:

Maßgeblich verantwortlich für den wunderbaren Abend ist Helga Wolf, die für eine ausgezeichnete Regie und Choreographie gesorgt hat. "Traditionell" ist die Inszenierung angelegt, ohne große Abstrahierungen, und das paßt zum Stück. Jean Valjeans Hinwendung zur Religiosität wird im Verlauf der Handlung betont, was eine plausible Sichtweise auf die Rolle Valjeans darstellt. Helga Wolf ist mit einem Blick für schöne, gut durchdachte Details ans Werk gegangen. Da macht es - zum Beispiel in den "Barrikaden-Szenen" - viel Vergnügen auch das Bühnengeschehen abseits der Protagonisten zu beobachten. Sehr exakt ist die Korrespondenz der Liedtexte mit der Darstellung auf der Bühne; dies eröffnet dem "Les Misérables"-Kundigen in einigen Szenen neue Blickwinkel und intensiviert die Geschichte.
Die örtlichen Gegebenheiten der Burgruine behindern das Stück keinesfalls, auch wenn man nicht mit großer Bühnentechnik arbeiten kann, im Gegenteil: sie bieten "Les Misérables" neue Möglichkeiten, die Helga Wolf in ihrer Regiefassung des Musicals nutzt.
 
Wenn ich noch einen Wunsch in Bezug auf die Inszenierung frei hätte, dann würde ich mir nur die genauere Klärung der Ereignisse am Ende des Stücks wünschen, denn hier hat das Buch eine Schwäche, und es blieben in bislang jeder Inszenierung, die ich gesehen habe, Fragen offen. (Wann genau verläßt Valjean Marius und Cosette? Wie groß ist der zeitliche Abstand zur Hochzeit? Woher weiß Valjean dann, daß der Hochzeitstag gekommen ist, was ja explizit erwähnt wird? Wieso weiß Marius, wo Valjean zu finden ist, der in der Abschiedsszene nicht gesagt hat, wo er hingehen wird? Gab es etwa einen Briefkontakt? Oder geht Valjean wirklich erst am Hochzeitstag? Aber wie kommt es dann zu seiner plötzlichen gesundheitlichen Verschlechterung?...)

Musikalischer Leiter der Produktion ist Klaus Hillebrecht. Noch ein wenig mehr Routine wird seinen Musikern nicht schaden; was das Premierenpublikum zu hören bekam, ging aber in Ordnung. Das Sounddesign stammt von Sven Treeß.
Das Bühnenbild von Jan Bammes fügt sich sehr gut in die vorgegebene Kulisse der Burgruine ein; seine Barrikadenlösung muß sich vor der anderer, mit mehr Technik in Szene gesetzter Produktionen, keinesfalls verstecken. Lichttechnisch (Design: Urs Heine, Bastian Schallenberg) dominieren die Farben der Trikolore; stimmungsvolle Akzente setzt der Einsatz offener Flammen im Freien.

Überraschend detailreich und aufwendig gestaltet sind Karin Albertis Kostüme. Alleine die Vielzahl der unterschiedlichen Chorkostüme ist beachtlich! Auch an Karin Becks' Maske gibt es nichts auszusetzen.

In der Hauptrolle des Jean Valjean gibt Christopher Murray sein Debüt bei den Tecklenburger Freilichtspielen und portraitiert den Charakter absolut überzeugend. Dies gilt auch für seinen Gegenpart, Javert-Darsteller Dean Welterlen.

In der Rolle der Fantine vermag Jana Werner zu berühren. Der Duisburger Ex-Enjolras Martin Berger und Katja Berg haben als hinterlistiges Ehepaar Thénardier die Lacher auf ihrer Seite. Cosette Elisabeth Ebner könnte noch mehr Präsenz in ihrer Rolle entwickeln; ihr Einstand in Tecklenburg ist aber dennoch gelungen. Vera Bolten bringt als Eponine bereits Erfahrung aus zwei "Les Misérables"-Produktionen (Bonn, Berlin) mit. Über ihre eindringliche Stimmfärbung kann man geteilter Meinung sein; das Schicksal der Eponine weiß sie auf jeden Fall glaubhaft zu vermitteln.

Alen Hodzovic, der in seiner relativ jungen Karriere bereits eine Reihe höchst unterschiedlicher Charaktere verkörperte, scheint die Rolle des Marius nahezu auf den Leib geschrieben zu sein. Mit angenehmer Stimme intoniert er diesen Part.
Michael Eisenburger, der im letzten Jahr noch Mitglied des "Hair"-Tribes in Tecklenburg war, führt in diesem Jahr als Enjolras souverän die aufständischen Studenten an.

Für die Kinderdarsteller gab es in der Premiere besonders häufig Szenenapplaus. Gavroche wurde von Dominic Niedenzu, die kleine Cosette von Mia Kirsch und die kleine Eponine von Anna-Maria Mindrup dargestellt.

Neben den Solisten sind im Herrenensemble zu sehen und zu hören: Oliver Frischknecht, Udo Eickelmann, Gordon Gesatzki, Carsten Klages, Max Messler, Aleksandar Prelic, Marc Schlapp, Christian Schöne, Florian Theiler, Benjamin Witthoff und Sebastian Stipp. Bei den Damen stehen Jessica Fendler, Michaela Schober, Joanna Knüppe, Gudrun Moser, Ramona Ludwig, Daniela Römer und Lillemor Spitzer auf der Bühne.

Dazu kommen noch Chor (Einstudierung: Ralf Junghöfer) und Statisterie der Tecklenburger Freilichtspiele. Somit weist diese "Les Misérables"-Produktion ein enorm großes Ensemble auf, das sie zu einem besonderen Musiktheatererlebnis macht.

Am Ende der Vorstellung sprang das gesamte Publikum spontan zu verdienten Beifallsbekundungen von den Sitzbänken auf, und man hörte sogar, daß "Les Misérables" die bislang beste Produktion bei den Tecklenburger Freilichtspielen sei. Diese Meinung kann ich aus meiner Sicht nur unterschreiben, obwohl die Produktionen, die ich vorher gesehen hatte, beileibe auch nicht schlecht waren.

Fazit: "Les Misérables" in Tecklenburg ist eine sehr empfehlenswerte Produktion, für den eingefleischten Fan wie für den sporadischen Musicalbesucher.

"Les Misérables" steht noch bis zum 26. August auf dem Spielplan. Für die Vorstellungstage 29.6.; 2.7.; 6.7. und 9.7. bieten die Freilichtspiele Tecklenburg mit ihrer Produktion "Les Misérables" dem Publikum ein besonderes Schmankerl an: Zwei Karten kaufen, nur eine bezahlen!
Diese Aktion gilt nur für die Preiskategorie 1. Für 32 ¤ gibt es zwei Karten, die jeweils bis zum Vorstellungstag in der Geschäftsstelle der Freilichtspiele abgeholt werden müssen. Eine Zusendung von Karten ist nicht möglich. Die Karten können telefonisch unter 05482-220 bestellt werden.

Weitere Informationen zum Programm der Tecklenburger Freilichtspiele gibt es unter www.freilichtspiele-tecklenburg.com.


Claudia Bauer-Püschel
(27.06.2006)